Eine häufig zitierte Weisheit sagt, das man Indien liebt oder hasst. Dazwischen gibt es nichts. Nach 32 Jahren bin ich wieder in Indien. Damals - ich hatte gerade meinen Zivildienst absolviert und war mit einer lächerlichen Abfindung von 3000 Mark entschädigt worden - war ich gerade 20 Jahre alt und bin mit meinem Kollegen Volker Arend nach Indien geflogen. Wir war jung, hatten wenig Geld und sind fast 6 Monate durch Indien und Nepal gereist. Aber wenn ich ehrlich bin: Die Intention damals diese Reise anzutreten, war die Aussicht auf Haschisch in bester Qualität. Indien war arm und dreckig und wir haben gekifft, in Goa Vollmondparties gefeiert und in Pokara am Lake das Chillum kreisen lassen. Bom Shiva.

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Heute 32 Jahre später bin ich wieder in Indien. Kiffen ist nicht mehr so mein Ding. Ich hatte mir vor der Reise ausgemalt, das auch Indien sich in den vielen Jahren verändert haben muß. Aber das hat es nicht in dem Ausmaß, wie ich es mir gedacht hatte. Klar. Indien ist deutlich reicher geworden. Die indische Mittelschicht, und das sind die Menschen, mit denen man sich auf Englisch unterhält, ist größer geworden. Es gibt nun Softwareentwickler aus Bangalore, die sich für ein verlängertes Wochenende in Varanasi ins Flugzeug setzen. Auch das offensichtliche Elend ist weniger geworden. Es gibt bei weitem nicht mehr soviele verstümmelte und verwachsene Menschen auf der Straße. Dachte ich zumindest, bis ich nach Bihar kam, den ärmsten indischen Bundesstaat. Aber niemand leidet ernsthaft Hunger.

Indien war vor 32 Jahren dreckig. Indien ist heute dreckig. Das Land hat bis heute in den meisten Städten kein funktionierendes Abwassermanagement. Die Versorgung mit Frischwasser ist katastrophal. Indien erstickt im Müll. Es gibt keine Müllabfuhr, die diesen Namen verdient. Zum Teil kommt es mir immer noch vor wie im Mittelalter. Dreck und Müll werden einfach auf die Straße gekippt und gammeln dort vor sich hin. Papier wird noch von den allgegenwärtigen Kühen vertilgt. Plastik nicht. Das liegt in der Gegend rum und wird von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, mehr. Die gleiche Problematik ist mir vor zwei Jahren auch schon in Myanmar aufgefallen. Abwasserversorgung und Müllentsorgung sind die zentralen Probleme. Entwicklungshilfe sollte genau hier ansetzen.

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Indien ist lauter als vor 32 Jahren. In den Straßen Indiens dominieren die Zweitakter. Motorräder unnd Tuktuks mit speziellen Hupen, die deutlich lauter sind als in allen anderen Ländern der Erde. Zudem kommt in den Straßen eine ständige religiöse Beschallung. Tagtäglich werden Festivals gefeiert und mit lauten Soundsystems wird versucht, die Kakophonie des Alltags zu übertönen. Eigentlich müsste die Mehrzahl der Inder an Taubheit oder Schwerhörigkeit leiden. Und sehr wahrscheinlich ist das auch so. Und um dann doch noch etwas zu hören, werden die Lautstärkeregler immmer weiter hochgedreht. Bis zur Schmerzgrenze und drüber hinaus.

Und dann sind da die Menschen. Natürlich macht es keinen Sinn, die Menschen über einen Kamm zu scheren. Ab und an trifft man auf ein ausgesprochenes Arschloch. Klar. Und das permanente "What`s your name?" unnd "What`s your country?" kann einem auch gehörig auf den Zeiger gehen. Aber in der Regel sind die Menschen ausgesprochen freundlich, offenherzig und verdammt neugierig. Und wenn man Ihnen genau so begegnet und ein bisschen miteinander scherzt, kann man wunderbare Momente erleben. Wie oft wir in den vergangenen 4 Wochen gebeten wurden, mit auf dem Selfie zu posieren. Ein junger Mann sagte zu mir: "Als Europärer seid ihr in Indien Superstars. Die Leute verehren euch." Da ist was dran. Auch wenn man eigentlich gar kein Superstar sein möchte.

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Um auf den Anfang zurück zu kommen. Man kann Indien hassen und lieben. Gleichzeitig. Dialektik in Reinform. Ich freue mich auf die nächsten vier Wochen.

 

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