Im Oktober 1926 wird südlich der Kampfbahn Rote Erde oberhalb der Emscher mit den Bauarbeiten am Volksbad begonnen. Die goldenen Zwanziger: Die Inflation ist überwunden. Dortmund beginnt als Stadt der Zechen und Stahlwerke an ihre mehr als 300.000 Einwohner zu denken. Südlich der Reichsstraße 1, dem Hindenburgdamm, entsteht der Volkspark Dortmund mit den Rosenterrassen zum Flanieren, der Roten Erde und der Westfalenhalle für große Sportveranstaltungen.
Der Bau des Volksparks, der zunächst für den Dortmunder Norden angedacht ist, ist eng verbunden mit Baurat Hans Strobel. Dieser schreibt 1926:
In der günstigen Windrichtung zwischen dem industriell wenig durchsetzten südwestlichen Vorgelände Barop, Eichlinghofen und der Innenstadt gelegen, bildet dieses Gelände im Zusammenhang mit dem Emschertal, dem Bolmkewald und dem Südwestfriedhof eine Dauergrünfläche von fast 1200 Morgen, die sich mit ihrem Anfangspunkt der Westfalenhalle, bis auf 1,5 Kilometer an den Stadtkern schiebt.
Ein Leuchtturmprojekt der 1920er-Jahre
Die Arbeiten an der Schwimmbahn Volkspark beginnen im Oktober 1926. Für den Wettkampf wird ein 100-Meter-Becken geplant. Der Grund: Olympia 1908 in London. Nachdem zuvor im Freiwasser geschwommen wird, wird das erste künstliche Schwimmbecken der Olympia-Geschichte im White-City-Leichtathletikstadion errichtet – ein 100-Meter-Becken. Ein solches soll nun auch in Dortmund entstehen. Dazu ein 5 Meter tiefes Becken mit einem 10-Meter-Sprungturm. Laut Heimat Dortmund das erste seiner Art im damaligen Deutschen Reich.
Es ist nicht das erste Freibad in Dortmund. 1922 öffnet das Kanal-Sommerbad gegenüber dem Hardenberghafen am Dortmund-Ems-Kanal. 1926 eröffnet in Wellinghofen die Bergbau-Badeanstalt der Zeche Admiral. Ein Jahr später folgen das Froschloch in Hombruch/Kirchhörde und das heute nicht mehr existente Freibad Aplerbeck auf dem Gelände östlich des Marktplatzes. Das Volksbad im Volkspark Dortmund wird offiziell am 17. Juli 1927 eröffnet.
Neben den Schwimmern sollen auch die Anhänger der Licht- und Luftbadbewegung zum Zuge kommen. Schon seit Anfang des Jahrhunderts entstehen in Deutschland die ersten städtischen Licht- und Luftbäder, um den Arbeitern in den rußigen Industriestädten gesunde Räume zum Durchatmen zu bieten. Neben der Wettkampfstätte Schwimmbahn Volkspark soll ein solches jetzt auch in Dortmund gebaut werden. Ursprünglich ist auf dem Gelände des Licht- und Luftbads eine Radbahn geplant. Man entscheidet sich jedoch dagegen: Das Geknatter der damals üblichen Führungsmotorräder würde die erholsame Ruhe entscheidend stören. Das Licht- und Luftbad, mit einem gesonderten Bereich für die Freikörperkultur und einem Wassertretbecken nach Kneipp, wird mit einem separaten Eingang an der Strobelallee im Westen errichtet.

Blütezeit, Krieg und Wiederaufbau
Aus dem 100-Meter-Becken wird noch vor der Eröffnung die heutige 50-Meter-Bahn – bis heute die gültige Norm für olympische Schwimmbecken. Der schon ausgehobene Bereich im Westen wird kurzerhand zu einem Nichtschwimmerbecken. Südlich des Schwimmerbeckens wird eine Tribüne mit zwei Rängen für 2.800 Zuschauer der Schwimmwettkämpfe errichtet. Im Osten befinden sich das Eingangsportal, großzügige Umkleidebereiche und die Gastronomie. Das prägende Baumaterial: Ruhrsandstein. Auch Laternen – heute würde man Flutlicht sagen – werden am Schwimmbecken installiert. Den Platz zwischen dem U-förmigen Gebäude ziert im Stile der Zeit ein großer Springbrunnen.
Das nun größte Dortmunder Schwimmbad wird von der Bevölkerung begeistert angenommen. Das Sommerbad ist auf eine Kapazität von 9.000 Badegästen ausgelegt. Doch an heißen Sommertagen stürmen bis zu 18.000 Menschen die Sommerfrische im Volkspark. Die Kassen müssen aufgrund von Überfüllung geschlossen werden.
Das Badevergnügen währt nur wenige Jahre. 1933 beginnt auch in Dortmund die nationalsozialistische Schreckensherrschaft. Die Erholung und Ertüchtigung der werktätigen Bevölkerung tritt in den Hintergrund, der Krieg wird vorbereitet. Nördlich des Freibads entsteht in den Kriegsjahren das Kriegsgefangenenlager Stalag VI D, in dem zeitweise Zehntausende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Frankreich, Polen und der Sowjetunion in Holzbaracken untergebracht werden. Wie das Schwimmbad in dieser Zeit genutzt wird, ist nicht überliefert.
Die Innenstadt von Dortmund wird im Zweiten Weltkrieg durch alliierte Luftangriffe zu rund 95 % zerstört. Wie die gesamte Stadt Dortmund wird auch der Volkspark in Mitleidenschaft gezogen. Am 23. Mai 1944 brennt die Westfalenhalle; das hölzerne Rund wird von Brand- und Sprengbomben getroffen. Zurück bleiben Schutt und Asche. Um den Hunger der Kriegsjahre zu mindern, wird in den Nachkriegsjahren im Volkspark Gemüse angebaut. Drei Jahre nach Ende des Krieges wird der Schwimmbetrieb wieder aufgenommen. Unter Regie der britischen Verwalter wird das Bad 1948 wiedereröffnet, und die ersten Besucher wagen sich in das kühle Nass.

Meine Sommer im Volksbad
Meine ganz persönliche Erinnerung und Geschichte mit dem Volksbad beginnt in den frühen 70er-Jahren. An heißen Sommertagen laufen wir mit der Mama von unserem Zuhause in Hombruch durch die Bolmke ins Stadion – so nennen wir das Freibad in dieser Zeit. Mein Papa kommt abends nach Dienstschluss bei Lensing, wo er als Setzermeister beschäftigt ist, nach. Er hat nur die damals obligatorische Aktentasche dabei; Badehose und Handtuch hat Mama im Gepäck für die abendliche Abkühlung nach getaner Arbeit. Am Wochenende darf auch die rote Coca-Cola-Kühltasche mit Kartoffelsalat nicht fehlen.
Vermutlich bin ich auch schon in den 60er-Jahren zu Gast im Volksbad. Meine ersten Lebensjahre verbringe ich im Alten Mühlenweg in der südlichen Innenstadt, und von dort ist es ja nur ein Katzensprung. Aber hier verwischen die Erinnerungen.
1971 wird nördlich des Freibads und westlich der Roten Erde das Westfalenstadion errichtet und zur Fußballweltmeisterschaft 1974 der Öffentlichkeit übergeben. An das Volksbad zu dieser Zeit habe ich wenige Erinnerungen. Meine Jugend verbringe ich im Froschloch. Hier sind alle Freunde, und es ist von Hombruch aus noch schneller zu erreichen. Doch manchmal geht es auch ins Stadion – hier gibt es schließlich einen Sprungturm. Und auf dem Weg dahin versuchen wir, Löcher in den mit einem Sichtschutz versehenen Zaun des FKK-Geländes zu popeln: Die nackten Tatsachen des anderen Geschlechts wollen erkundet werden.
Zu Spielen der Borussia klettern wir Jugendlichen das ein oder andere Mal vom Volksbad her über den Zaun. In den späten 70ern ist das noch möglich. Irgendwann in den frühen 80er-Jahren wird dann die Zuschauertribüne zurückgebaut. Es gibt Pläne, ein neues Spaß- und Freibad an der Stockumer Straße südlich der Bolmke zu errichten. Zum Glück werden diese nicht realisiert: Das Volksbad trotzt den Veränderungen der Zeit. 1995 wird das Luftbad geschlossen; man braucht Platz für den Ausbau des Westfalenstadions. Dort, wo sich einst nackte Menschen an Licht und Luft erfreuen, befinden sich heute Parkplätze und der Kommerztempel BVB-FanWelt.
Es wird ein Weilchen dauern bis ich dann wieder ins Volksbad gehe. Spätestens nach der Geburt der Kinder ist das Stadionbad im Sommer wieder ein regelmäßiges Ziel. Der Stolz des Vaters als die Tochter den 10-Meter-Turm besteigt und einfach hinab springt. Kurz danach wird der denkmalgeschützte Sprungturm für lange Zeit geschlossen und erst in diesem Jahr nach 22 Jahren wiedereröffnet. Ab 2009 bin ich öfter im Volksbad als je zuvor. Ich habe das Rauchen aufgegeben und bei der Suche nach einem Sport. Um das Wachsen des Leibesumfangs einzudämmen, werde ich zum Frühschwimmer. Ab jetzt stehe ich im Sommer fast täglich um kurz vor sieben am Schwimmweg und warte auf Einlass. Ich teile die Bahn mit Triathleten und Olympiateilnehmern, treffe alte Freunde wieder (Grüße an meinen Hausarzt) und lerne neue Freunde kennen. Das Volksbad wird ein wichtiger Teil meines Lebens.

Von Outsourcing und Mängelverwaltung zu einem lebendigen Ort der Demokratie
Am Beckenrand stehen in den Jahren verschiedene Schwimmmeister. Auch die Trägerschaft wechselt. Das einst so stolze städtische Freibad wird outgesourct. Um den Haushalt der vom Strukturwandel geplagten Stadt zu entlasten, übernimmt die Sportwelt Dortmund die Trägerschaft. Was in den ersten Jahren noch einigermaßen funktioniert, erweist sich später als fatale Fehlentscheidung. Spätestes während der Corona Pandemie kollabiert das System. Hinzu kommt unterbezahltes und/oder fehlendes Personal. Das Bad wird nicht vorauschauend geführt und nur auf Verwaltung der Mängel gefahren. Zwar gibt es einzelne Investitionen, sind aber häufig sind diese wenig durchdacht. Das Schwimmmeisterhäuschen befindet sich über einige Jahre in einem Container nördlich des Beckens. Jetzt gibt es eine neue Hütte im Süden. Es gibt eine neue Pflasterung aber durch die Neugestaltung fallen die beliebten Sitzmöglichkeiten am Springerbecken weg. Der wohl größte Umbau der jüngsten Vergangenheit betrifft das Planschbecken für Kleinkinder. Seit gut 3 Jahren gibt es einen kompletten Neubau.
Der wohl größte Einschnitt: die Öffnungszeiten werden eingeschränkt. Das Bad startet die Saison nicht mehr, wie bislang üblich, am 1. Mai, sondern willkürlich je nach Wetterlage. Was ausbleibt, sind Investitionen in die Energieinfrastruktur. Zwar werden im vergangenen Jahr im Turn- und Schwimmweg Fernwärmeleitungen verlegt, aber das Heizen des Wassers für das Schwimmerbecken basiert noch immer auf der Verbrennung des fossilen Energieträgers Gas. Solaranlagen zur Erwärmung wie sie in vielen Bädern der Umgebung Einzug gehalten haben: Fehlanzeige. Und das spiegelt sich natürlich in den Eintrittspreisen wieder. Diese wurden in den vergangenen Jahren massiv erhöht. Es gibt weder Mehrfach- noch Saisonkarten. Der Einzeleintritt ist mittlerweile so hoch, dass sich Kids und Familien die Eintrittskarte nur noch bedingt oder gar nicht mehr leisten können.
Freibäder sind wichtige, kulturelle Orte der Demokratie. Im Freibad treffen Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Kultur aufeinander, Menschen verschiedener sozialer Schichten und Lebensräume, Im Freibad sind wir weitgehend gleich - in Badekleidung. Statusmerkmale wie Kleidung, Einkommen und Beruf fallen weitgehend weg. Regeln müssen befolgt und im Kleinen verhandelt werden. Freibäder gelten gemeinhin als freiwillige Aufgabe einer Kommune. Wenn Bäder aus Kostengründen schließen, geht ein Stück demokratische Infrastruktur verloren, die den sozialen Zusammenhalt vor Ort sichert. Daran sollten kommunal Verantwortliche denken. Wenn wie zwei der wichtigen Freibäder zur Versorgung des Dortmunder Nordens Stockheide und Hardenberg (temporär) schliessen, darf man sich nicht wundern, wenn wie im Hitzesommer 2026 die verbliebenen Bäder gestürmt werden und es zwangsläufig auch zu Konflikten kommt. Einst tummelten sich bis zu 18.000 Badegäste an einem Hitzetag im Volksbad. Heute werden bei 3.000 Besuchern die Kassenhäuschen geschlossen.
Für die Zukunft wünsche ich mir ein paar Dinge: Das Bad muss ohne Wenn und Aber erhalten bleiben. Das Bad muß kontinuierlich behutsam saniert und instandgesetzt werden - ohne lange Schließung. In den Wintermonaten sollte genug Zeit sein die Arbeiten durchzuführen. Politik und Stadtgesellschaft müssen die Bedeutung ihrer Schwimmbahn Volkspark würdigen und anerkennen. Mit der Rückkehr des Bades in den Schoß der Stadt ist ein erster Schritt getan. Die Wiedereröffnung des Sprungturms im Spätsommer 2026 gibt Hoffnung, Auf dass wir noch viele Jahre im Sommer das kühle Nass der Schwimmbahn im Volkspark genießen dürfen. Die nächsten 100 Jahre können kommen.
Wasser ist das allerbest
schon vor tausend Jahr gewest!
Zitat auf Ruhrsandstein am Eingang des Bades
Die historische Volksbad in Bildern
Quellen:
- Heimat Dortmund: Die 1920er Jahre. Dortmund zwischen Moderne und Krise.
- Wikipedia: Volksbad Dortmund
Bildquellen:
- Facebook: Dortmund alte Fotografie
Anmerkung:
Bei Rechtschreibung und Grammatik habe ich mir von KI helfen lassen. Der Text selber entstand ohne die Hilfe von KI-Werkzeugen.



































