Ich war in diesem Jahr noch nicht einmal im Meer baden. Das soll sich ändern. Der Zug in Richtung Nordseeküste fährt pünktlich um 05:50 Uhr am Hauptbahnhof Dortmund ab. Um kurz vor neun steige ich in der südlichsten Seehafenstadt des Landes aus dem Zug: Papenburg. In der Meyer-Werft entstehen hier, gut 50 Kilometer entfernt von der Küste, riesige Kreuzfahrtschiffe. Inwieweit das wirtschaftlich sinnvoll ist - bei der Auslieferung der Schiffe wird jeweils die komplette Ems aufgestaut - mögen andere entscheiden. Ökologisch ist es auf jeden Fall ein Desaster.
Sonst hat Papenburg nicht viel zu bieten. Die Stadt mit 37.000 Einwohner entstand als Fehnkolonien am Rand von Kanälen zur Entwässerung der Moorlandschaft. In den Kanälen liegen heute einige historische Schiffe und an den Rändern kann man in den Cafés und Restaurants maritime Luft schnuppern. Aber da ist doch noch etwas: Papenburg besitzt ein wunderschönes Freibad. Und dahin führt mich als passionierten Frühschwimmer mein Weg an diesem Morgen.
Papenburg - Groningen (68 km) 

Nach 2000 Metern im Wasser steige ich auf das Brompton und die Radreise kann beginnen. Am Hauptkanal entlang geht es zurück zum Bahnhof, dann zum Papenburger Seehafen und schließlich zu den imposanten Hallen der Meyer Werft. Über die Schleuse und die Ems radle ich ins Rheiderland. Es ist flach. Die einzigen Erhebungen sind Deiche, auf denen Schafe auf vertrockneten Wiesen grasen.
Der reizvolle Boelo-Luitjen-Tijdens-Kanal bildet die Grenze zu den Niederlanden und liegt gut 20 Kilometer westlich von Papenburg. Die Internationale Dollart Route führt durch das Gutsherrendorf Bellingwolde und die Oudeschans. Im 80-jährigen Krieg ließ Graf Wilhelm Ludwig von Nassau die Festung Bellingwolder Schans anlegen. Die Radroute führt auf kopfsteingepflasterten Straßen durch das idyllische Dorf mit alten Brücken, Festungsgräben und Verteidigungswällen.
Der Wind ist aufgefrischt und bläst mir mit aller Kraft entgegen. Das Pedalieren wird richtig anstrengend. Der Weg führt mich direkt am Google Datacenter Winschoten vorbei - der dritte Rechenzentrumsstandort von Google in den Niederlanden. In der Fußgängerzone der Rosenstadt mache ich Pause. Der Gegenwind zehrt und das Ankämpfen dagegen kostet Kraft. So schön das Pedalieren auf dem englischen Klapprad auch ist, die aufrechte Sitzhaltung bietet dem Wind reichlich Angriffsfläche.
In Slochteren liegt die Fraeylemaborg. In einem großen Landschaftspark im Stil des französischen Barocks liegt der historische Adelssitz. 1959 wurde in Slochteren das Groningen Gasfeld entdeckt, damals das größte Erdgasvorkommen Europas. Das Erdgas wurde zum Großteil nach Deutschland exportiert und bescherte den Niederlanden gewaltige Einnahmen. Die Kehrseite der Medaille (neben der Erderwärmung durch das Verbrennen fossiler Energieträger): Durch die Gasentnahme kam es in der Region immer wieder zu Erdbeben. Nach Protesten der Bevölkerung wurde die Gasförderung im Groningen-Feld im Oktober 2023 eingestellt.
Westlich von Groningen gibt es zwei Campingplätze: Im Break Out Grunopark kann man Wasserski fahren und Klettern. Es gibt einen Badesee mit Strand und einen Zeltplatz. Auch das Naturbad Engelbert bietet die Möglichkeit sein Zelt aufzuschlagen. Beide Plätze liegen etwa 7 km östlich der City von Groningen. Ich entscheide mich für den Grunopark. Dieser ist deutlich weiter von der A7 entfernt und verspricht daher eine ruhigere Nacht. Am Abend radele ich dann noch in die Stadt.
Groningen - Lauwersoog (55,2km) 

Am Morgen ist es fast windstill. Östlich von Groningen ist mit Meerstad an einem künstlich angelegten See eine Planstadt entstanden. 6000 Häuser sollen hier entstehen. Aktuell leben hier keine 5000 Einwohner in einer netten Nachbarschaft am Wasser. Auf einem Aussichtsturm kann man die Siedlung überblicken. Bei der Fahrt nach Groningen kommen mir schon früh am Morgen Sportler entgegen. Es ist die Groninger 4-Tage-Wanderung. Gestartet wird auf dem Großen Markt. An vier Tagen geht es jedes Jahr in verschiedenen Richtungen auf 20, 30 und 40 Kilometer langen Strecken durch die Stadt. Mammutmarsch in der niederländischen Variante.
An der Akerk frühstücke ich und schaue dem Treiben in der erwachenden Stadt zu. Das Reitdiep ist eine der ältesten Wasserstraßen in Groningen. An den Seiten der einstigen Wasserverbindung zum offenen Meer liegen Hausboote wie an einer Schnur gereiht. Entlang dieses alten Wasserweges pedaliere ich in Richtung Nordwesten aus der Stadt. In Aduard gibt es einen kleinen Supermarkt, in dem ich meine Vorräte auffüllen kann. Und natürlich frischt jetzt wieder der Wind auf. Ich nähere mich der Nordsee.
In Zoutkamp erreiche ich das Lauwersmeer. Ein kleines, ehemaliges Fischerdorf lädt mit seinen Fischrestaurants zum Verweilen ein. Die Lauwerszee entstand wie auch Dollart und Zuiderzee durch eine verheerende Sturmflut. Die Luciaflut im Dezember 1287 gab der deutschen und niederländischen Nordsee eine neue Küstenlinie. Über 50.000 Menschen fanden den Tod. Am 25. Mai 1969 wurde die Bucht vom Meer abgeschlossen und eingedeicht. Aus der Lauwerszee wurde das Lauwersmeer. Aus Salzwasser wurde Süßwasser.
Heute ist das Gebiet rund um die ehemalige Meeresbucht Nationalpark. Der Nationalpark Lauwersmeer ist ein wichtiger Rückzugsort für Zugvögel. Dem Wappentier - dem Seeadler - ist an einer Aussichtsstation ein Monument gewidmet. Reichlich entkräftet erreiche ich den Campingplatz in Lauwersoog. Hier starten die Fähren nach Schiermonnikoog. Ich entscheide mich zwei Nächte auf dem Campingplatz zu bleiben und für einen Tagesausflug auf die Insel. Ein Fehler. Der Campingplatz ist nicht schön. Ich stehe mit meinem kleinen Zelt zwischen Wohnwagen, riesigen Wohnmobilen und Mobilheimen. Dafür ist er dann aber teuer. Zwei Nächte kosten mich über 90 Euro. Klassische Abzocke.
Lauwersoog - Ditzum (78,3km) 

Nach einem wunderschönen Tag auf der Insel bin ich froh, am Tag darauf den schrecklichen Campingplatz verlassen zu können. Im Nu ist das Zelt verstaut und das Brompton einsatzbereit. Schon kurz vor acht radele ich bei herrlichem Sonnenschein den Deich ostwärts. Außer mir gibt es hier nur Schafe und die Schreie der Meeresvögel. Der Deich wurde gerade ertüchtigt und wieder erhöht. Man kann sowohl innen als auch außen auf feinem Asphaltbelag pedalieren.
Es ist Ebbe. Das Wasser geht noch weiter zurück und gibt den Blick frei auf den schlickigen Boden des Watts. Die Deiche werden von Schafen beweidet und regelmäßig unterbrechen Gatter den Radweg. Kurz abbremsen, innehalten und weiter geht's. Hinter dem Deich liegen grüne Salzwiesen, dahinter erst die Küstenlinie von Schiermonnikoog, dann die unbewohnten Inseln Rottumerplaat und Rottumeroog. Seit der Deichgraf 1965die I1965nsel verlassen hat, gehört das Eiland den Robben und Meeresvögeln. Zwischen den Inseln glänzen am Horizont die Rotoren der Offshore-Windparks in der Sonne. Am Noordpoldersiel macht sich eine Gruppe von Menschen bereit für eine Wattwanderung. Hier gibt es hinter dem Deich ein kleines Café mit der Möglichkeit zur Einkehr. Auf Seeseite erkennt man die Silhouette von Borkum.
Bald aber endet die Idylle. Eemshaven rückt ins Sichtfeld. Der Energiepark Eemshaven ist ein wichtiger Pfeiler der Energieversorgung der Niederlande. Es gibt ein Gas- und Kohlekraftwerk umgeben von den Windenergieanlagen des Windparks Westereems. Auch die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen aus den Offshore-Windparks und aus Norwegen landen hier an. Der Hafen ist ein Hub für die Offshore-Industrie und zudem legt eine Fähre nach Borkum ab. Ich überlege nach Borkum überzusetzen. Die Fahrt nach Borkum und dann weiter nach Emden soll etwa 50 € kosten. Dass aber mein Faltrad nicht als Gepäck gilt, sondern zusätzlich gut 20 € kosten soll, lässt mich davon absehen. In einer Tasche wäre der Transport kostenfrei, erklärt mir der Mensch am Schalter. Was ein Unsinn.
Die massive Verfügbarkeit von Energie zieht Rechenzentren an wie das Licht die Fliegen. Eemshaven hat zudem eine direkte Glasfaser Verbindung zu den beiden wichtigen europäischen Internet-Hubs in London und Amsterdam. Seit 2016 betreiben Google und QTS Data Centers hier Rechenzentren. Weitere riesige Hyperscaler sind in Bau. Der Energiehunger dieser Anlagen ist immens. Als ich mit meinem kleinen Faltrad die Industrieanlagen umfahre, fällt mir ein Protestplakat ins Auge: Die Bevölkerung spricht sich schon jetzt gegen die Errichtung von Atomkraftwerken aus. 2027 soll die Entscheidung fallen, ob hier an der Emsmündung ein AKW mit zwei Reaktorblöcken errichtet wird.
In Delfzijl habe ich fast 80 Kilometer auf dem Tacho. Das reicht. Es ist heiß geworden. Am frühen Abend fährt heute noch eine Fähre nach Ditzum. Ich buche online das Ticket und kaufe im örtlichen Albert Heijn ein paar Dosenbiere für die Überfahrt. Mit dem Fahrgastschiff Dollard schippere ich über eben jenen in den Abend hinein. In Ditzum ärgere ich mich kurz dass auf ich auf dem »Reisemobilhafen« kein einfaches Zelt aufschlagen darf, aber als ich dann meinen Wildcampingplatz gefunden habe, erlischt der Ärger sofort. Am schönsten Schlafplatz der Radreise lasse ich den Abend ausklingen.
Ditzum - Papenburg (49,7km) 

Bevor die meisten Menschen wach werden, habe ich das Zelt schon wieder im Packsack verstaut. Um kurz nach sieben sitze ich an diesem Sonntagmorgen schon wieder auf dem Faltrad. Nach ein paar Kilometern entlang des Emsdeichs erreiche ich Jemgum. Das Dorf feiert Kirmes. In den Straßen stehen Kirmesbuden und Bierstände. Ein paar Menschen bauen ihre Flohmarktstände auf. Die Suche nach einem Kaffee ist erfolglos.
Den bekomme ich dann in Leer. Das ostfriesische Städtchen an der Mündung der Leda in die Ems überzeugt mit einem schönen Stadtkern. Hier haben die Bäcker geöffnet und ich freue mich über ein Frühstück. In der Comaps App entdecke ich einen Badesee. So ziemlich auf halber Strecke zwischen Leer und Papenburg liegt der Badesee Grotegaste.
Als ich den See erreiche strömen auch schon die ersten Familien mit Kindern auf die große Liegewiese. Doch als ich ins Wasser steige habe ich den See noch fast für mich allein. Ich schwimme einmal quer durch den ganzen See und genieße die kühle Frische des Wassers.
Als Landmarke auf dem Weg zurück nach Papenburg dienen die riesigen Hallen der Meyer Werft. Nach fünf Tagen bin ich wieder am Ausgangspunkt der Radtour angelangt. Kurz nach Mittag erreiche ich den Bahnhof und nicht ganz fünf Minuten später sitze ich schon im Zug nach Münster.
Den gesamten Track gibt es als gpx-Datei zum Download.




















