Spiekeroog. Bildungsurlaub auf Spiekeroog. Ayurvedisches Heilfasten auf Spiekeroog. Am Freitag bekommen wir einen Anruf: Am Sonntag dem anvisierten Anreisetag fahren keine Fähren. Wir haben in Altharlingersiel ein Hotel gebucht, um die Anreise mit dem Zug entspannter zu gestalten, um dann am frühen Sonntagmorgen die Fähre auf die Insel zu nehmen. Mit einem kurzen Anruf können wir das Hotelzimmer um einen Tag verschieben. Am Sonntagmorgen steigen wir mit dem Deutschlandticket in den Zug nach Münster.
Flut. Wind und Regen.
Grund für die Unannehmlichkeiten sind die Herbststürme Luise und Manja. Diese haben reichlich Wasser in die Deutsche Bucht gedrückt. Der Wind erreicht eine Windstärke von 9 im Maximum und die Sturmflut erzeugt ein Hochwasser von 1,59 Meter über Normal. Der Schiffsverkehr nach Spiekeroog ist unterbrochen. Dafür klappt die Anreise mit der Bahn erstaunlich gut. Dortmund - Münster. Münster - Osnabrück. Osnabrück - Sande. Sande - Esens. Und dann noch ein Bus nach Altharlingersiel. Keine Verspätungen und wir sind nach gut 6 Stunden in unserem Hotelzimmer und checken ein. Am Nachmittag laufen wir gegen den Wind nach Neuharlingersiel. Krabbenfischerhafen und Fährhafen nach Spiekeroog. In der Fischereigenossenschaft bekommen wir unsere Henkersmahlzeit. Die letzte feste Nahrung vor dem Fasten.

Morgens um neun nehmen wir die Fähre. Immer noch Hochwasser. Aber die Spiekeroog 1 kämpft sich kraftvoll durch die Nordsee und nach 50 Minuten stehen wir auf der autofreien Ostfriesischen Insel. Schon vom Hafen sehen wir hoch auf einer Düne unser Domizil für die kommenden 5 Tage: Haus Klasing. 1909 als Sommerhaus und Hochzeitsgeschenk für die 20 Jahre jüngere Gattin des Leipziger Verlegers Fritz Otto Klasing errichtet. Seit drei Generationen im Besitz der Familie. Heute Gäste- und Seminarhaus. Auf dem Weg hoch zum Haus zeigt Sturmtief Manja noch einmal was es kann. Es schüttet wie aus Kübeln und wir erreichen die Herberge nass bis auf die Haut.
Das Zimmer ist bezogen und da die anderen Seminarteilnehmer mit späteren Fähren eintrudeln, haben wir Zeit für ein erstes Inselerkunden. Direkt hinter dem Haus beginnt ein Pfad durch die Dünen zum Strand. Wir sehen Fasane. Bunte eitle Hähne. Auf Spiekeroog gibt es überall Fasane. Und ein paar Rehe. Der so breite Strand ist heute extrem schmal. Das Hochwasser drückt bis an die Dünen. Nach einer Weile müssen wir den Strand verlassen, weil es einfach nicht weiter geht.
Wir laufen eine schöne große Runde über die Insel. Auf dem Rückweg durchqueren wir das Inseldorf. Als wir wieder bei Haus Klasing eintrudeln ist die Gruppe vollzählig und das Seminar beginnt mit einer Vorstellungsrunde und ersten Yogaeinheiten.
Die Kraft der Sonne
So langsam legt sich der Sturm und das Wasser geht zurück. Der Strand von Spiekeroog ist wieder eine breite Sandfläche. Nach einem Morgenspaziergang folgt die erste Yogaeinheit. Wir trinken Salzwasser zum Entschlacken. Es haben sich 10 Menschen zusammengefunden gemeinsam ayurvedisch zu fasten. Eine ausgesprochen umgängliche Gruppe. Gemeinsam ist es einfacher auf das Essen zu verzichten. Der Tag hat ein recht straffes Programm. Am Morgen nach dem gemeinsamen Tee in der Küche hängt an der Küchentür ein handgeschriebener Zettel mit der Tagesstruktur. Die einzige Mahlzeit am Tag: ein dünnes aber äußerst schmackhaftes Süppchen.

Schon vor dem Sonnenaufgang kündigt sich ein sonniger Tag an: Sternenklarer Himmel. Die Insel Spiekeroog gehört zu den wenigen Gegenden Deutschlands, die noch einen Sternenhimmel bieten, der kaum von künstlichen Lichtern erhellt wird. Die Insel wurde von der International Dark Sky Association als Sterneninsel anerkannt. Langsam erhellt sich der Horizont und die Sonne schiebt sich über das Wattenmeer in den Tag.
Der gemeinsame Tag beginnt mit heißer Zitrone mit Honig. Dann gehen wir an die frische Luft und begrüßen mit einigen Yogaübungen zum Aktivieren des Organismus die Sonne. Es ist fast windstill und am Himmel findet sich kein einziges Wölkchen. Zwischen den einzelnen Yogaeinheiten haben wir Zeit alleine oder in der Gruppe die Insel zu erkunden. Wir streifen durch die Dünenlandschaft und genießen die warmen Sonnenstrahlen.
Mystischer Nebel
Am Tag drauf: Seenebel. Warme und feuchte Luft vom Festland strömt über die kühlere Wasseroberfläche. Die untere Luftschicht kühlt rasch unter den Taupunkt ab. Die enthaltene Feuchtigkeit kondensiert und bildet eine flache, dichte Nebelschicht direkt über dem Wasser des Wattenmeeres. Aus dem Zimmer schauen wir in eine weiße Welt. Nur die Lichter des Pferdestalls an der alten Pferdebahn durchdringen den Nebel.
Auch dieses Wetter hat seinen Reiz. Wir streifen warm eingepackt mit Mütze und Schal über Dünenwege. Jetzt am dritten Fastentag ist der akute Hunger überwunden. Die Yogaübungen im Haus finden im Gesellschaftsraum statt. Tisch und Stühle werden beiseite geräumt und dann die Matten ausgerollt. Im Anschluss wird der Raum, der auch als Speiseraum dient, wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt.

Nach der Mittagssuppe bleibt Zeit für eine ausgiebige Inselwanderung. Ich mache mich alleine auf den Weg den Osten der Insel zu erkunden. Die West- und Ostfriesischen Inseln sind eine Laune der Natur. Vor nicht einmal 2000 Jahren lagern Meeresströmungen, Wellen, Gezeiten und Wind Sand und Sedimente auf dem Meeresboden ab. Flache Sandbänke entstehen. Pionierpflanzen wie Strandhafer und Meersenf übernehmen und geben dem Sand Halt und Festigkeit.
Diesen Prozess kann man auf Spiekeroog wunderbar beobachten. Die Ostplate ist der jüngste Teil der Insel. Noch 1920 war der Osten noch eine regelmäßig überspülte Sandbank. Ab den 1940er Jahren begann die Landwerdung. Heute steht das Gebiet als Teil des Nationalparks Wattenmeer unter strengem Naturschutz. Ich wandere bis zum Nationalparkhaus Wittbülten: Der Übergang vom bewohnten Teil der Insel zur unberührten Natur.
Am letzten Tag unseres Aufenthalts auf der Insel ist das Wetter erneut gnädig. Während unsere Reisegenossen meist mit der ersten Fähre der Insel den Rücken kehren, haben wir noch Zeit bis zum späten Nachmittag. Nun in die andere Richtung: Am Strand lang Richtung Westen zum alten Anleger. Bis 1970 kamen alle Gäste hier an und wurden mit der Pferdebahn ins Inseldorf transportiert. Die Reste des Anlegers und die Gleise der Bahn sind heute noch im Sand zu sehen. An der Rettungshütte (mit dem fantastischen Kaffeeduft) trinken wir einen Kräutertee.
Dank geht raus an Diana Ivanova für diese schöne Woche.



























