Die Fähre von Helsinki nach Tallinn benötigt je nach Witterungsverhältnisse für die gut 70 Kilometer etwas mehr als 2 Stunden. Es bedienen aktuell drei Reedereien diese bei Finnen und Touristen extrem beliebte Strecke durch den finnischen Meerbusen im Pendelverkehr. Wir erwerben online Tickets bei der Viking Line und starten am Neujahrsmorgen um 10:30 Uhr in Richtung Estland.
Tallinn. Tali Linna - die dänische Stadt. Gegründet wird die Stadt auf einem fast 50 Meter hohen Hügel, dem Domberg, an der Einfahrt zum finnischen Meerbusen von estnischen Stämmen. Der dänische König Waldemar erobert die Burg und baut sie zu einer Festung mit Domkirche aus. Anfang des 12. Jahrhunderts übernimmt der Deutsche Orden die Stadt und siedelt westfälische und niedersächsische Kaufleute an. Diese lassen sich in der Unterstadt zu Füssen der Burg nieder und gründen hier die Stadt Reval. Bis 1918 war diese deutsche Bezeichnung der offizielle Stadtname.
Unser Hotel ist vom Hafen fußläufig erreichbar. Es liegt in der alten Maschinenfabrik Ilmarine am Rand der Unterstadt. Wir beziehen das Zimmer und laufen los. Nur wenige Schritte sind es zu einem Stadttor der fast vollständig erhaltenen Stadtmauer mit den fast 40 großen Türmen. Es beginnt ein leichter Schneefall und es soll die nächsten drei Tage auch nicht aufhören zu schneien. Wie Pudelzucker legt sich der Schnee auf das Kopfsteinpflaster der historischen Gassen. Und treibt der Hunger und wir landen bei einem mittelmäßigen Inder und einem Alu Gobhi.
Tallinn oder Reval war eine wichtige Handelsstadt der Hanse. Das Tor zum Osten. Ausgangsort und Zwischenstation für den Russlandhandel mit Nowgorod. Es wird Deutsch gesprochen. Bis 1898 die Amtssprache der Hansestadt. Eine besondere Beziehung gibt es zur Hansestadt Lübeck. Von hier werden immer wieder Kaufleute und Handwerker nach Reval entsandt. Neben Deutschen und Esten lebten auch viele Schweden in der historischen Stadt. Schweden hatte Mitte des 15. Jahrhunderts die Herrschaft übernommen.
Zurück zum Hotel. Die Idee ohne lange Unterhosen aus dem Haus zu gehen war wenig ratsam. Mit der Merino Unterwäsche am Körper geht es wieder los. Wir laufen diesmal zu Oberstadt - dem Domberg. Auch heute ist hier die Macht präsent. Das estnische Parlament hat hier seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im August 1991 seinen Sitz. Überall wehen estnisch Fahnen. Aber die blaugelben Fahnen der Ukraine. Die Solidarität mit der Ukraine ist groß. Wähnt man sich doch als nächstes Opfer eines imperialistischen Russlands.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die unabhängige estnischen Republik durch Russland annektiert wird. Beim letzten Mal am 16. Juni 1940 besetzt Stalin das Land im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts. Zu dem Zeitpunkt endet auch die lange deutsche Geschichte der Stadt. Die deutschstämmigen Bürger Revals werden durch Hitler umgesiedelt.
Es schneit noch immer in Tallinn und es ist sehr leise.































